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Schwimmend von Europa nach Asien

Freitag, 30. September 2016

Dardanellenschwimmen, Hellespont Swim, Çanakkale Yüzme Yarışması 2016

Der Tag des Sieges am 30. August ist ein türkischer Feiertag, der an den entscheidenden Sieg 1922 im türkischen Befreiungskampf erinnert.
Seit 30 Jahren wird an diesem Tag ein interkontinentales Schwimmen ausgetragen, das von Eceabat am europäischen Ufer der Dardanellen nach Çanakkale am asiatischen Ufer führt. Das Schwimmen in den Dardanellen von Kontinent zu Kontinent hat eine lange Tradition. Die Amerikanerin Lynn Sherr schwamm dort vor fünf Jahren, in ihrem lesenswerten Buch über die Kulturgeschichte des Schwimmens erzählt sie ausführlich über die Geschichte des Schwimmens ganz allgemein und ihre persönlichen Erfahrungen beim Dardanellenschwimmen und bei ihren Vorbereitungen dafür.

Der Übergang zwischen Asien und Europa hat eine lange und reiche Geschichte. Der persische König Xerxes überquerte die in der Antike Hellespont genannte Meerenge im 5. Jahrhundert v. Ch. auf Schiffbrücken, um gegen die Griechen zu ziehen. Im 17. Jahrhundert ging es Venezianern und Osmanen hier um die Vormacht im Mittelmeer. In der Schlacht von Gallipoli im Jahr 1915 kämpften u. a. viele australische und neuseeländische Soldaten für die Entente gegen die Türken, unvorstellbar viele Soldaten auf beiden Seiten verloren ihr Leben.

Über geschichtliche Fakten hinaus ranken sich um die Meerenge zwischen zwei Kontinenten zahlreiche Mythen. Wohl am bekanntesten ist die tragische Liebesgeschichte um Hero und Leander. Leander, der am asiatischen Ufer wohnt, schwimmt merhmals zu seiner Geliebte am europäischen Ufer, bis er in einer Sturmnacht sein Leben verliert. Daraufhin stürzt sich auch Hero ins Meer. Friedrich Schiller ist einer der Dichter, die eine Ballade über das Liebespaar schrieben: Hero und Leander.
Im Jahr 1820 durchschwamm der britische Dichter Lord Byron die Dardanellen auf den Spuren des mythischen Paares.

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Zurück in die Gegenwart: Vor zwei Jahren schon wollten Sohn 2 und ich nach dem Bosporus auch die Dardanellen durchschwimmen, aber aus diversen Gründen wurde nichts daraus. In diesem Jahr gelang es mir, mich anzumelden und auch wirklich mitzuschwimmen.

Das Anmeldeprozedere ist weniger kompliziert als das fürs Bosporusschwimmen, aber einige Hürden und ein Limit gibt es auch: 500 türkische Schwimmer und Schwimmerinnen werden akzeptiert. Alle anderen Nationalitäten müssen sich über eine Reiseagentur anmelden.
In diesem Jahr starteten letztlich ca. 400 türkische und ca. 50 internationale Sportler und Sportlerinnen, 403 kamen ins Ziel. Darunter auch ich.

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Endlich ist der Tag des Schwimmens da und mit ihm die übliche Nervosität vor einem Wettkampf. Die äußeren Voraussetzungen sind gut: ruhiges, sonniges Wetter, kaum Wind. Anders als im Vorjahr, als das Schwimmen wegen der widrigen Wetterverhältnisse am 30. August um einen Tag verschoben wurde.

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Der Wettkampftag beginnt da, wo das Schwimmen nicht beginnt, wo es aber später endet: im Garten des Marinemuseums in Çanakkale. Wo sonst Besucher andächtig die Exponate bewundern, legen an diesem Tag die Schwimmer*innen ihre Straßenkleidung ab.

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Mein unverzichtbarer Begleiter, Fotograf, Coach für alle sportlichen Wettkämpfe steht mir getreu zur Seite.

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Zum Start des Schwimmens geht es per Bus und Fähre: Der Bus bringt uns zum nahen Fährhafen. Ich bin froh, dass ich Fatma Nazan Göğen neben mir habe, eine grande dame des türkischen Schwimmsports. Sie ist, mit nur einer Ausnahme, bei allen bisherigen Bosporus- und Dardanellenschwimmen dabei gewesen und natürlich bei unzähligen anderen Schwimmwettkämpfen. Überhaupt ist sie nicht nur sehr sympathisch, sondern vor allem eine beeindruckend erfahrene und hervorragende Schwimmerin und Schwimmtrainerin – ganz im Gegensatz zu mir, der Gelegenheitsschwimmerin.

Was bereits am Tag zuvor im Briefing erklärt wurde, nämlich an welchen Landmarken man sich orientieren soll, erläutert sie noch einmal ganz genau und vor allem aus der Sicht der Schwimmerin. Außerdem warnt sie in weiser Voraussicht, dass die angekündigten Kursmarkierungen noch nie einwandfrei funktioniert haben. Und so kommt es dann auch.

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Aber zunächst besteigen wir die Fähre, die uns von Asien nach Europa bringt. In Eceabat am europäischen Ufer angekommen, steigen wir wieder in Busse um, die uns die kurze Strecke zum Strand fahren, von dem aus das Schwimmen endlich beginnt.

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Das andere Ufer ist wirklich ganz nah an dieser schmalsten Stelle der Dardanellen. Die starke Strömung verhindert aber das direkte Schwimmen von Ufer zu Ufer. Man schwimmt einen Bogen (ca. 5 bis 6 km), der zunächst leicht Richtung Norden führt, um dann allmählich umzubiegen Richtung Süden und zum am Çimenlik Kalesi, den Resten der alten Burg, die heute Teil des Marinemuseums ist.

Das Wasser ist angenehm, es hat etwa 24 Grad, nur kleine Wellen gibt es an diesem Tag. Ich habe es nicht eilig, ich lasse es langsam angehen und genieße, dass ich dort schwimmen darf, wo sonst die großen Schiffe Richtung Schwarzes Meer bzw. Richtung Ägäis ziehen. Aber selbst als ich denke, dass jetzt wirklich alle an mir vorbeigeschwommen sind, sehe ich immer noch andere neben und hinter mir. Lange Zeit peile ich die gelbe Flagge auf einem der Begleitboote an. Dort soll man den Kurs Richtung Süden ändern. Dumm nur, dass das Flaggenboot irgendwann verschwunden ist. Jetzt kommt mir der Rat der erfahrenen Schwimmerin zugute: Ich ändere den Kurs wie von ihr empfohlen um gut 70 Grad, sobald ich an der Festung Kilitbahir am europäischen Ufer vorbeisehen kann. Nun geht es schnell voran: Die Strömung trägt mich. Aber ich denke daran, was beim Briefing betont wurde: Man darf niemals aufhören, quer zur Strömung zu schwimmen, sonst wird man davongetragen, entweder erst Richtung Marmarameer oder dann Richtung Kilitbahir oder zum Schluss Richtung Kepez (ein Ortsteil südlich des Ziels). Das aber würde bedeuten, dass man von einem der Begleitboote aufgenommen werden müsste und den Wettkampf nicht beenden könnte.

Als ich einen Blick auf die Uhr werfe, die ich eigentlich mitgenommen habe, um den Kursänderungspunkt nicht zu verpassen, der nach ca. 800 Metern erreicht sein sollte, freue ich mich: Ich bin gut eine Stunde unterwegs, das Ziel kommt immer näher, noch maximal 15 Schwimmminuten sehe ich vor mir. Das ist Schwimmgenuss pur!

Merkwürdigerweise tauchen plötzlich andere Schwimmer aus der falschen Richtung auf, also aus Richtung Ägäis. Das Ziel wird kaum mehr größer, dafür ändert sich der Winkel. Langsam nur wird mir klar: Was als Endspurt geplant ist, wird zum Kampf gegen die Strömung. Denn die für die Ufernähe angekündigte Gegenströmung macht sich gerade jetzt nicht bemerkbar, der Strom Richtung Süden dafür umso stärker. Ich schwimme, schwimme, schwimme. Das Ziel gleitet an mir vorbei, nein, es ist ja umgekehrt. Ich schieße übers Ziel hinaus. Wenigstens ans Ufer will ich aber kommen, egal wo und wie! Einziger Trost: Mit mir kämpfen viele andere ums Ankommen auf den letzten Metern.

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So sieht das Ziel aus, bevor die ersten Schwimmer eintreffen. Eigentlich sollte man meinen, dass die Schwimmer von der Seite auf den Ponton zuschwimmen, von der aus das Bild aufgenommen ist.

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Tatsächlich kommen viele Schwimmer aus der anderen Richtung an, der jenseits des Ziels, wie sich auf diesem von der anderen Seite des Pontons aufgenommenen Bild erkennen lässt. Denn an diesem Tag ist, so ruhig das Wetter auch scheint, die Strömung Richtung Süden besonders stark. Was auf dem Bild völlig harmlos aussieht, ist zum Schluss eine Sache des Willens, um gegen die widrige Strömung ans Ziel zu kommen.

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Der Zielbereich füllt sich.

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Irgendwann komme auch ich an. Meine Zeit von 1:32 ist nicht weiter bemerkenswert, aber ich bin sehr stolz, dass ich es geschafft habe. Immerhin bin ich unter der Maximalzeit von 1:45 geblieben.

Auf Wiedersehen, ich möchte irgendwann einmal gerne wieder von Kontinent zu Kontinent schwimmen.



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